Mr./ Ms. Anonymous
Kennt ihr das? Ich geht durch die Straßen. An vielen Ecken sitzen Leute. Arme Leute. So arm, dass sie nachts nicht wissen, wo sie schlafen, wie sich warmhalten können.
Vor etwas mehr als einer Woche hatte ich die Gelegenheit, mit einer Kleinen Gruppe angehender Erlebnispädagogen, 24 Stunden ohne Geld, Handy und Schlüssel in einer fremden Stadt zu verbringen. Das einzige, was wir dabei hatten, war ein großer Aufgabenzettel. Schwerpunktthema “Armut”. Wir sollten uns die Armut in der Stadt anschauen, mit offensichtlich armen Leuten ins Gespräch kommen und einen von diesen Menschen zu Kaffee einladen.
Was erschreckend war, ist, dass wir, die wir gut gekleidet waren und gepflegt aussahen, schon nach etwa 1,5 Stunden volle Rucksäcke und volle Mägen hatten. Mit nur wenigen Tauschgegenständen, die wir bekommen hatten, konnten wir den ganzen Tag “überleben”, ja, wir hatten sogar mehr Essen, als wir eigentlich an einem normalen Tag gegessen hätten. Die Unterkunft war schnell geregelt, eine Jesuitenkommunität bot uns Obdach und ein wirklich grandioses Frühstück am Morgen danach. Kostenlos, aus reiner Nächstenliebe.
Aber zurück zur Armut. Wir hatten nichts, der Versuch, eine Kurzarbeit zu finden, um ein wenig Geld zu verdienen, scheiterte. Doch wir wollten die Aufgabe, einen offensichtlich Armen Menschen zum Kaffee einzuladen, nicht aufgeben. Durch die Redekunst einer unserer Gruppenmitglieder schafften wir es, ein paar der Tauschgegenstände zu verkaufen. Ausgestattet mit letztendlich 9 Euro konnten wir zu fünft Kaffee trinken gehen, an unserer Seite ein Mann, der das Straßenmagazin “Tagessatz” verkaufte. Es war für mich ein absolut neues Erlebnis, mit einem Menschen ins Gespräch zu kommen, an dem man sonst einfach so vorbeiläuft. Die Geschichte zu hören, die ihn in die Armut getrieben hat, sein Verhalten zu beobachten. Kleine, schüchterne Trippelschritte, Kopf gesenkt. Nur nicht auffallen, um keinen Preis. Kaum Sozialkontakte, niemanden, mit dem man sich mal eben zum Kaffee oder netten Gespräch trifft. Ein Augenöffner für mich.
Ich weiß sicher, dass ich ab diesem Moment mit anderen Augen durch die Straßen laufen werde. Gerade habe ich eine Verkäuferin von “Hinz und Kunzt” getroffen, dem Hamburger Pendant zum “TagesSatz”. Das Magazin liegt neben mir.
Vielleicht geht es euch ähnlich wie mir, dass ihr an diesen anonymen Personen wortlos vorbeigeht. Vielleicht habt ihr schon Erfahrungen mit Armut und Armen Personen gemacht. Es wäre schön, wenn wir alle mit offenen Augen durch die Straßen und Städte gehen würden. Ein kleiner Gruß, ein kurzer Moment der Aufmerksamkeit bedeuten kaum Aufwand und doch so viel. Probiert es aus!
